Erinnerung an ein Brötchen mit Fleischwurst

An manche Szenen aus der Schulzeit erinnert man sich auch Jahrzehnte später noch. Geht dir doch sicherlich auch so?

Als ich Mitte der 8. Klasse die Schule wechselte, gab es ein Mädchen gleich schräg eine Schulbank weiter, die ziemlich aus der Masse heraus stach. Ihre Klamotten waren eher dem Gothicstyle zuzuordnen, Haare und Musikgeschmack gingen eher in Richtung Punk. Und sie war Vegetarierin.

Letzteres war immer mal wieder Thema. So auch eine Pause, die wir innerhalb des Klassenzimmers verbrachten. Wir plauderten, ich packte mein mit Fleischwurst belegtes Brötchen aus, biss herzhaft hinein, kaute, schluckte und hielt vor dem nächsten Bissen fest: “Also was du da machst, dieses Vegetarische, ich find das ja super. Aber ganz ehrlich, ich könnte das nicht.” Und mit diesem Statement biss ich ein weiteres Mal in mein Brötchen.

Gesichter des Todes

Es war nur wenige Monate später, als wir uns damals auf der Geburtstagsfeier eines Schulkollegen zur Mutprobe einen Film aus der “Gesichter des Todes”-Reihe ansahen. Es war der Teil, der sich zur Hälfte mit Tieren beschäftigte. Mit Menschen, die Affenhirn aus lebendigen Affen aßen, mit Hühnern, denen man die Köpfe abschlug, die jedoch noch weiter kopflos umher flatterten. Mit Rindern, denen man kopfüber die Kehlen aufschnitt und die daraufhin in ihren Fesseln zuckten und in Todesangst schrien.

Ich war entsetzt.

Es ist dieselbe Falle, in die wir alle erst einmal gemütlich tappen. Die Fleischwurst auf dem Brötchen, die hat nichts von einem Schwein. Sauber in eine Kunsthülle gepresst und kräftig gewürzt sieht man nur das Lebensmittel, nicht das Lebewesen dahinter. Und schon gar nicht all das Leid. Nicht den Tod.

Ich war 15 –  und fortan war ich Vegetarierin. Auch da habe ich lange Zeit lang noch grobe Fehler gemacht. Beispielsweise aß ich noch lange Zeit Gemüse in Aspik auf dem Brot. Weil mir nicht bewusst war, wie Gelatine entsteht. Und weil es mir niemand gesagt hat.

Klar, ich kann jetzt anführen, dass ich mir diese Informationen hätte besorgen können. Aber es war 1992, da war das Internet noch nicht gerade verbreitet. Entsprechende Zeitschriften oder Bücher gab es auch nicht, zumindest nicht am Kiosk an der Ecke oder in der Bibliothek. Und warum hätte ich auch danach suchen sollen? Ich hatte ja schlicht keinen Anlass.

Es lebe das Internet

Meine ersten Schritte im Internet Ende der Neunziger dienten nicht der Informationssammlung, sondern vor allem Onlinespielen. Es dauerte sogar ein paar Jahre, bis ich das Internet zunehmend als Informationsmöglichkeit erschloss. Und damit fand ich irgendwann dann auch ein Forum, in dem sich Vegetarier und Veganer tummelten. Beide teilten sich einige Boards, hatten jedoch auch einige.

Was mir ziemlich schnell auffiel, und zwar nicht gerade positiv, das waren die “Hardcore-Veganer”, die den Vegetariern ständig reinzureden versuchten, sie als inkonsequent bezeichneten und generell ziemlich krasse Aussagen drauf hatten. Ich fand das höchst lästig.

Dennoch begann ich, mich hier und da über die vegane Lebensweise zu informieren. Mehr aus Interesse als aus irgendeiner Absicht heraus. Mich machte das nachdenklich. Aber nicht nachdenklich genug.

Später, in einem ganz anderen Zusammenhang, begann ich dann, mir mal Videos zum Thema anzuschauen. Dadurch kam ich irgendwann zwar auch auf  den berühmten Film “Earthlings”, aber während ich andere Reportagen vollständig angeguckt habe, habe ich bis heute nur etwa 20 Minuten dieses Films gesehen.

Mir dämmerte, dass diese “Hardcore-Veganer” mit ihren Aussagen Recht hatten, auch wenn ich bis heute mit mancher Härte darin nicht einverstanden bin.

Ich stellte um auf vegane Ernährung. Es fiel mir schwer. Verdammt schwer. Und es war sauteuer, weil ich einen ganzen Haufen teurer Sojaersatzprodukte kaufte, weil ich keine Alternativen kannte. Nach drei Wochen gab ich auf.

Gib nicht auf!

In den nächsten Wochen war ich vor allem unzufrieden mit mir selbst. Ich wusste, dass meine Aufgabe nicht das war, das ich tun wollte. Ich wusste, dass andere es auch irgendwie schafften, ohne sich in den Ruin zu stürzen. Und ich wusste, dass auch hinter meinem geliebten Käse, meinem Milchkakao, meinem Rührei und meiner Sahnesauce Leid stand. Und hinter diesem Leid ebenso der Tod, wie ich ihn 1992 schon für mich abgelehnt hatte. Ich konnte die Augen nicht mehr verschließen vor geschredderten Küken, geraubten und getöteten Kälbern und später auch Milchkühen in gerade mal jugendlichem Alter. All das war präsent. Und ich schämte mich für mein Aufgeben, schämte mich für mein Essen, während ich es dennoch aß.

Aber man will ja selbst auch irgendwie leben, nicht wahr? Soviel Geld für Lebensmittel! Dabei will man sich doch dieses neue Spiel, Handy, diese geilen Schuhe … kaufen. Man muss sich doch auch mal was gönnen. Wofür arbeitet man schließlich, wenn man sich nicht auch das Leben ein bisschen versüßen kann! – Was für ein zynischer Mist in Anbetracht von Intensivhaltung, schwärend eiternden Wunden und ewig währendem Leid von der Geburt bis zum viel zu frühen Tod von Tausenden, nein, Millionen von Tieren. Wie zynisch in Anbetracht von durch Export in Drittweltländern zerstörten Märkten und damit einhergehendem weiteren Hunger dort, wo der Zwanzig-Euro-Schein zu Weihnachten hingeschickt wird, damit die Leute “das mal in den Griff kriegen” und “bloß nicht zu uns kommen”. Purer Zynismus in Anbetracht von Monokulturen, Bodenerosion, steigenden Antibiotikaresistenzen …

Diese Phase dauerte drei Wochen, bis ich mir selbst in den Hintern trat. War ich wirklich so bequem, dass ich all das weiterhin in Kauf nehmen wollte? Nein!

Ich krempelte die Arme hoch, biss die Zähne zusammen und versuchte es ein zweites Mal.

Und ja, es war nicht einfach. 2010 gab es einfach auch noch nicht so viele Alternativprodukte im Supermarkt, genau genommen: gar keine. Ich musste im Internet bestellen oder ins Reformhaus. Und das war teuer. Wenn ich doch im Supermarkt einkaufen wollte, hieß es erst mal: Das Kleingedruckte studieren. Inhaltsstoffe lesen, E-Stoffe zu übersetzen lernen. Und ich lernte! Ich lernte zum Beispiel, dass man nicht mal eine simple Fertigtüte für Tomatensuppe kaufen konnte, ohne dass Süßmolkenpulver drin war.

Kartoffeln, Gemüse, (Soja)fleisch?

Gut, an der Tütensuppe würde ich nun nicht scheitern. Dafür kochte ich damals schon viel zu gerne, und eine frische Tomatensuppe ist ohnehin was anderes als eine aus der Tüte. Aber die Kosten für die ganzen Ersatzprodukte, die blieben erst mal. Bis es irgendwann mal “Klick” machte, als ich vor einem türkischen Supermarkt in der Nähe stand. Da wurde mir klar, dass ich immer noch Reste dieses “gutbürgerlichen” Mahlzeitenverständnisses im Kopf hatte: Kartoffeln, Gemüse, (Soja)fleisch. Oder zumindest was “Italienisches”, also Pizza, Pasta, oder sahnig-käsige Aufläufe.

In dem damaligen türkischen Supermarkt war die Fleischtheke ganz hinten und relativ klein. Dafür gab es reihenweise Obst und Gemüse. Und ganze Regale voller unterschiedlicher Hülsenfrüchte, mir bis dahin unbekannten Saucen, Gewürzen und noch viel mehr. Ich kaufte einen ganzen Wagen voll ein und wusste bei vielen Sachen nicht mal, wie sie schmeckten geschweige denn, wie man sie zuzubereiten hatte.

Aber ich lernte. Und ich lernte nicht nur recht schnell, wie man all diese Sachen zubereitete und kombinierte, sondern ich lernte auch, dass Kräuter und Gewürze der Schlüssel zum (Essens)glück sind. Ob tierisches Fleisch oder solches aus Soja: auch da liegt in beiden Fällen der Trick in der Würze. Ist also sozusagen egal, was man isst, solange man es passend und ordentlich würzt. Und so ganz nebenbei lernte ich dabei noch weitere Dinge: mindestens drei verschiedene Arten, zu einer Bolognese zu kommen beispielsweise, aber auch, dass man diese Ersatzprodukte schlicht weglassen konnte.

Und plötzlich war mein Kopf frei für jede Menge Kreativität, für eine Fülle an Ideen, für jede Menge Kochexperimente.

Aus Fleischwurst wird Schwein, aus Leben wird Lebendigkeit

Die nächsten Dinge, die geschahen, passierten von allein. Nicht nur das: Ich hatte nicht einmal mit ihnen gerechnet.

Es dauerte einige Monate, bis ich wirklich anders zu schmecken begann. Ich konnte einzelne Komponenten eines Gerichts besser herausschmecken als je zuvor. Meine Nase wurde auch in Bezug auf Gerüche empfindlicher (was positive und negative Effekte mit sich brachte ;-)). Und als mein nächster Laborcheck bei meiner Hausärztin anstand, wäre ich fast aus den Schuhen gekippt.

Gleich die erste Laborkontrolle zeigte, dass sich meine Werte drastisch verbessert hatten. Blutfette und Cholesterinwerte waren zuvor hart an der Grenze gewesen. Plötzlich, wie durch ein Fingerschnippen, waren sie nicht nur gut, sondern optimal.

Ich freute mich natürlich, aber ich begann auch, mehr Fragen zu stellen. Warum eigentlich ist in jedem Convenience-Food Süßmolkenpulver und Co. drin? Warum eigentlich wird auch in Schulen und Kliniken nicht bevorzugt vegetarisch und schon gar nicht vegan angeboten? Wieso verbessern sich meine Laborwerte so drastisch, aber gleichzeitig werden Leute mit Herzinfarkten und einem Auftreten von Diabetes mellitus Typ 2 immer jünger? Wieso überhaupt empfiehlt die Osteoporosegesellschaft Milchprodukte zum Knochenschutz, obwohl das totaler Quatsch ist?

Und ich begann, mich mehr mit Dingen auseinanderzusetzen, bei denen ich mich bislang auf ein Grundwissen – oder das, was ich dafür hielt – beschränkt hatte. Ich wagte den Blick über den Tellerrand. Das hat meinen Blick auf viele Dinge verändert. Ich glaube, ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass es mein Leben verändert hat. Und damit meine ich nicht meine Art und Weise zu kochen, mich zu kleiden und all sowas.

Hardcore-Veganer vs. Bullshit-Bingo

Weißt du, was mich heute so richtig nervt? Sowas:

Also ich find das ja toll, dass du vegan lebst, aber ich selbst könnte das nicht.

Irgendwann leb ich auch vegan, aber im Moment kann ich das nicht, weil …

Vegan ist mir zu extrem. Ich kauf eh nur bio.”

Du hast den Anfang dieses Artikels gelesen, also weißt du, dass ich den ersten Satz damals selbst gebraucht habe. Das habe ich nicht vergessen. Und darum habe ich Verständnis für solche Aussagen, zumindest in gewissem Maße. Ich weiß, dass man solche Sachen aus Unwissenheit sagt, dass man es eben einfach nicht besser weiß.

Ich weiß aber auch sehr wohl, dass die Informationslage sich geändert hat in den letzten 10 Jahren. Heute noch so blauäugig zu sein, das erfordert schon ein bisschen Ignoranz. Macht nichts, denn man kann sich jederzeit informieren, ob nun im Internet, mittels Büchern, Zeitschriften, durch das Gespräch mit dem netten Veganer von nebenan oder gar in den sozialen Medien, kein Problem. Es gibt mittlerweile haufenweise Rezepte. Ob kochen, backen, mit und ohne Soja, Gluten, Öl und so weiter. Da ist für wirklich jeden was dabei.

Wenn du es trotzdem nicht mal versuchst, dann … ja, dann habe ich dafür eher kein Verständnis. Dann bist du bequem, faul, gleichgültig, egoistisch – irgendwas davon.

Macht dich das zu einem schlechten Menschen?

Nicht unbedingt. Vielleicht setzt du all deine Energie in andere Dinge, die deiner Umwelt dienen, einer lebenswerten Welt. Eventuell fehlt dir einfach die Energie und es ist nur eine Frage der Zeit, bis du die Kurve kriegst. Vielleicht fehlt dir auch bloß ein bisschen Unterstützung, eine helfende Hand, eine Art Wegweiser.

Es gab Zeiten, da habe ich versucht, Diskussionen mit Nicht-Veganern aus dem Weg zu gehen und mich so zu verhalten, dass ich nur ja nicht wirke wie jemand von “diesen Veganern”. Du weißt schon:

“Woran erkennst du einen Veganer? – Brauchst du nicht. Er wird es dir sofort auf die Nase binden!”

Haha. Brüller, was?

Wahrscheinlich bin ich längst selbst einer dieser “Hardcore-Veganer”. Denn es geht nicht “nur” um Tiere. Es geht um Menschen, um Hunger, um Umweltschäden, sogar um den Klimawandel. Es geht um diese gesamte Welt.

Genau die Welt, die du deinen Kindern hinterlässt und deinen Enkeln. Oder um die, die du ihnen eben nicht mehr lässt. Es geht um eine Heimat, die andere verlieren, weil du den Hintern nicht hochkriegst.

Es geht um Empathie und Mitgefühl.

Und ich schäme mich kein Stück für beides und dafür, mich weiterzuentwickeln. Das wäre auch ganz schön blöde.

Also: Krieg auch DU den Hintern hoch!

Lass mich wissen, was DICH zum Umdenken bewegt hat oder auch, woran es bei DIR noch hakt. marienkaefer_pro_solo

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